Sonntag, 13. Mai 2018

[Lady Diamond 1] Kapitel 13

Im Internet bekam die Schülerin mit den weißen Haaren sehr viele Genesungswünsche für ihren Vater, als sie ein Foto vom Krankenhaus hochlud. Sie fand es sehr schön, dass so viele Menschen an ihrem Leben teilnahmen. Es fühlte sich so an, als wäre stets jemand bei ihr und sie wäre niemals alleine. Das fand sie beruhigend und einfach wunderschön. So lange hatte sie sich einsam gefühlt und nun hatte sich alles verändert.
„Lorena, kannst du deinem Vater noch Wechselwäsche vorbeibringen?“, fragte die Mutter. „Ich schaffe es heute nicht mehr.“
„In Ordnung, Mama.“
Die Fünfzehnjährige erhob sich von ihrem Bett und machte sich sofort auf den Weg.

Als sie die Station des Krankenhauses betrat und dem Zimmer ihres Vaters näher kam, hörte sie einen Streit.
„Sie tun mir weh! Autsch! Passen Sie doch auf!“
„Sie sind ein Weichei! Stellen Sie nicht so an“, sagte die andere Stimme gereizt.
„Seien Sie nicht so unverschämt. Das verbitte ich mir.“
„Sie haben hier nichts zu melden“, schrie die Frauenstimme los.
„Ich möchte den Oberarzt sprechen“, entgegnete Herr Heller.

Lorena lief mit schnellen Schritten auf das Zimmer zu. Sie wollte wissen, was darin vorging. Als sie die Tür öffnete, stürmte Pflegerin Aylin an ihr vorbei und stieß sie dabei fast um.
„Hey!“, beschwerte sich das Mädchen, doch die Pflegerin reagierte nicht und lief mit einem bösen Blick davon.
„Papa, was ist hier los?“
„Ach mein Schatz, du bist es. Diese Schwester ist echt ein Grobian. Sie passt beim Verbandswechsel nicht auf, weigerte sich, mir ein Glas Wasser zu bringen und ist unfreundlich hoch zehn.“
„Komisch“, gab Lorena zurück, „gestern war sie doch noch so freundlich.“
„So kann man jemanden ganz falsch einschätzen.“
Die Jugendliche überlegte kurz und dann erklärte sie ihrem Vater:
„Ich werde mal kurz mit ihr sprechen.“
Sie ließ die Tasche mit der Wechselwäsche im Zimmer stehen und ging zurück zur Anmeldung.
Sie konnte aber niemanden sehen. Da sah sie ein Papierschild, auf dem stand:
Bin in der Pause. Wenn Sie was wollen, besorgen Sie es sich gefälligst selbst!

Unterschrieben war mit Pflegerin Aylin. Lorena war entsetzt. Sie verstand nicht, was das zu bedeuten hatte. Sie konnte doch nicht einfach die Patienten alleine lassen.
Das Mädchen suchte die Station ab, um zu schauen, ob noch irgendein anderer Pfleger dort arbeitete, aber da war tatsächlich niemand. Lorena wusste, dass die Pfleger in Krankenhäusern oft unterbesetzt seien. Aber wie kann es sein, dass hier nur eine Pflegerin zuständig ist?
Sie ging wieder zurück zur Anmeldung und blickte hinter den Tresen. Da sah sie eine Frau auf dem Boden liegen. Erschrocken ging das Mädchen mit dem weißen Haar um den Tresen herum und kniete sich zur unbekannten Pflegerin.
„Was ist mit Ihnen los?“
Die Frau öffnete langsam die Augen und keuchte vor Schmerz. Da sah Lorena, dass sie eine blutige Nase hatte.
„Das war meine Kollegin. Sie ging wie eine Wilde auf mich los. Normalerweise ist sie nicht so.“
Sofort wusste Lorena bescheid:
„Sie meinen Aylin.“
„Genau“, antwortete die Pflegerin, als sie sich langsam wieder erhob. Die Fünfzehnjährige stützte sie.
„Ich glaube, sie hat aufgrund des Stresses einen Nervenzusammenbruch“, dachte sich die Schülerin kurzerhand als Ausrede aus. „Das Thema hatten wir gerade in der Schule. Bestimmt ist sie bald wieder die Alte.“
Misstrauisch schaute sie die Pflegerin an, aber nickte zustimmend.
„Wollen wir mal hoffen.“
Dann lief Lorena los. Sie wollte Aylin so schnell wie möglich finden. Irgendwo musste sie ja noch sein.
Sie rannte zum Aufzug und aus den Augenwinkeln sah sie jemanden vor dem Fenster. Sie schaute hinaus und sah Aylin in der Parkanlage des Krankenhauses. Sie trat gerade gegen einen Mülleimer. Die Patienten wunderten sich und nahmen Abstand.
Ich muss schnell zu ihr.
Die Schülerin rannte in den Park und lief zur Pflegerin.
„Aylin!“, rief sie. „Hör damit bitte auf!“
Da drehte sich die junge Frau zu ihr um und Lorena sah ihre blutunterlaufenen Augen.
„Was willst du?“, brüllte sie zurück und hatte dabei eine fiese Fratze.
„Du bist nicht du selbst“, erklärte die Fünfzehnjährige mit ruhiger Stimme. „Du bist irgendwie besessen.“
„Red keinen Stuss“, antwortete Aylin lautstark und hob ihre Faust. Dann verformte sich plötzlich ihr Mund zu einer spitzen Schnauze mit scharfen Zähnen. Sie gewann an Größe, sodass ihre weiße Uniform riss und darunter eine altmodische Schwesternkluft hervortrat. Auf dem Kopf erschien eine Schwesternhaube mit einem roten Kreuz. Ihre Hände verwandelten sich in riesige Pranken.
„Oh nein!“, rief Lorena. „Sie ist zu einem Monster geworden.“
Nun wusste das Mädchen, was zu tun war. Sie umschloss ihren Edelstein mit einer Hand und rief:
„Kräfte des magischen Diamanten!“
Sofort wurde sie in helles Licht gehüllt und sie verwandelte sich ebenfalls. Ihre Kleidung wurde zum Kampfanzug und vor den Augen hatte sie plötzlich eine Maske. So konnte sie sich dem Monster entgegenstellen.
„Gestern sah ich zu, wie du notleidenden Menschen geholften hast. Das ist dein wahres Ich. Ich verstehe nicht, wie das passieren konnte und du nun zu einem Monster geworden bist. Aber ich will die alte Krankenpflegerin zurück. Ich bin die unbezwingbare Kämpferin der Reinheit – Lady Diamond. Mit den Kräften der Energie besiege ich dich!“
„Du redest zu viel“, brüllte das Monster. Dann hob es seine Pranken und die Finger verwandelten sich in Spritzen mit spitzen Nadeln.
„Nein!“, schrie die Kämpferin entsetzt. „Ich hasse Spritzen!“
Doch sie konnte es nicht verhindern. Das Monster zielte mit den Händen auf sie und plötzlich schossen die Spritzen mit hoher Geschwindigkeit auf sie zu.
Reflexartig wich Lady Diamond den Spritzen aus. Sie hatte Glück. Sie blieben allesamt im Baum hinter ihr stecken.
Allerdings gab das Monster nicht auf und rannte auf sie zu. Es holte mit einer Pranke weit aus und wollte zuschlagen. Doch die Kämpferin der Reinheit bückte sich weg. Dann trat sie mit einem Fuß das Ungetüm direkt in den Bauch und stieß es somit weg.
Ich wusste garnicht, wie stark ich sein kann.
„Du dumme Göre“, beschwerte sich das Monster, „dir werde ich es zeigen.“
„Das glaube ich kaum“, entgegnete Lady Diamond und holte zur finalen Attacke aus. „Diamantensplitter!“
Die kleinen, scharfkantigen Splitter flogen mit voller Wucht auf das Monster, das vor Schmerzen zusammensackte. In diesem Augenblick verwandelte es sich in die Pflegerin Aylin zurück.
Die Kämpferin wartete nicht lange, verwandelte sich in das Mädchen mit dem weißen Haar zurück und holte die Kollegin der Pflegerin.
„Danke, dass du mich geholt hast“, sagte sie. „Ich kümmere mich jetzt um Aylin. Wir standen tatsächlich sehr viel unter Stress in der letzten Zeit. Auch wenn sie immer so tut, als schaffe sie das alles, hat es sie nun auch erwischt.“
Lorena tat es sehr leid, dass Aylin jetzt vielleicht berufliche Konsequenzen zu erwarten hatte. Aber das war besser, als wenn man sie wegen Körperverletzung anzeigte.
In der Fünfzehnjährigen stieg eine gewaltige Wut auf. Sie hasste diese bösen Mächte und wollte sie endgültig aufhalten. Wie viele Menschen würden sich noch in Monster verwandeln und damit nicht nur anderen, sondern auch sich selbst schaden? Sie musste etwas dagegen tun und dem allen ein Ende setzen. Leider hatte sie keine Idee, wie sie das alles anstellen sollte.
So ein Mist!