Sonntag, 28. Januar 2018

[Elementum 2] Stille Wasser - Kapitel 25

Es war kurz vor Mitternacht. Marina war es ausnahmsweise erlaubt, in einem Jungenzimmer zu übernachten, da sie sonst ganz alleine im Mädchentrakt gewesen wäre. Jojo hingegen bezog Robins Nachbarbett, weil Marin nach wie vor auf der Krankenstation war. Es wurde versucht, seinen Finger wieder anzunähen, aber man konnte noch nicht sagen, ob die Operation gelungen war.
Herr Doktor Hollenbach verlangte, dass sein Sohn nach den Feiertagen direkt in ein Spezialkrankenhaus eingeliefert werden sollte. Gegebenenfalls wollte er selbst bei dem Eingriff dabei sein.
Marina schlich sich heimlich in Robins Zimmer. Zu dritt klügelten sie einen Plan aus. Sie wollten heute Nacht auf die Suche nach dem Übeltäter gehen.
Jojo steckte seinen Kopf aus dem Fenster. Als er ihn wieder reingeholt hatte sagte er:
Da unten stehen tatsächlich zwei Wachen von der E-Wehr vor der Tür.“
Das heißt“, entgegnete Marina, „dass wir nicht so einfach hier herumschnüffeln können.“
Aber demzufolge kann der Fiesling hier auch nicht herumspuken“, ergänzte Robin.

Außer er ist in diesem Gebäude hier“, warf die Wasser-Elementaristin ein.
Dann lasst uns hier anfangen“, schlug das Elementum vor.
Seine beiden Freunde nickten zustimmend. Und so schlichen sie wenige Minuten später durch die Flure. Da das Gelände wie leergefegt war, weil die Schüler zuhause bei ihren Familien waren, konnte ihr Feind in jedem Raum Unterschlupf gefunden haben. Vielleicht war er ja sogar ein Schüler und hatte sein eigenes Zimmer, sodass er gar keines heimlich beziehen musste. Das wussten die drei Jugendlichen nicht.
An jeder Zimmertür lauschten sie und hofften, dass sie irgendwelche Geräusche wahrnahmen. Doch sie hörten absolut nichts. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie das ganze Gebäude durchhatten.
Wahrscheinlich befindet er sich doch in einem anderen Gebäude“, meinte Marina.
Es wäre zu leicht gewesen“, fügte Robin hinzu.
Aber was tun wir jetzt? Wir kommen nicht so einfach an den Wachen vorbei“, sprach Jojo zuletzt.
So schwiegen die drei Schüler einige Momente. Alle überlegten, was sie als nächstes tun sollten.
Irgendwann sagte Robin:
Vielleicht machen die Wachen ja mal eine Pause.“
Er ging ans Fenster und vergewisserte sich, ob die beiden Männer von der E-Wehr noch da waren. Und tatsächlich standen sie nach wie vor an der Eingangstür zum Jungentrakt.
Der Sechzehnjährige ließ seinen Blick über den ganzen Innenhof wandern. Er schaute anschließend zum Himmel und sah, dass der Vollmond durch die Wolkendecke schimmerte. Als er seinen Blick wieder senkte, sah er eine dunkle Gestalt in einem Mädchenzimmer, die direkt zu ihm rübersah.
Schnell!“, rief er. „Kommt her! Schaut mal da rüber ins Fenster!“
Jojo und Marina eilten zum Fenster und folgten Robins Blick. Tatsächlich sahen sie die Gestalt ebenfalls für einen Moment, bis sie sich vom Fenster entfernte.
Da ist jemand“, bestätigte Marina. „Im Mädchentrakt.“
Was machen wir nun?“, wollte Robin wissen.
Wir sagen es den Wachmännern“, schlug das Mädchen vor. „Wenn sie ihn schnappen können, müssen wir nichts mehr tun.“
Gesagt, getan. Schnell rannten sie die Treppen hinunter. Die Wachmänner hätten sie beinahe attackiert, weil sie dachten, dass von ihnen eine Gefahr ausginge. Doch dann erkannten sie die Schüler. Aufgebracht erklärten sie, was sie gesehen hatten. Doch die Wachen waren nicht überzeugt:
Vielleicht war es nur ein Schatten“, sagte der eine.
Aber wir schauen trotzdem nach“, sagte der andere.
Beide gingen rüber zur Eingangstür des Mädchentrakts, wo zwei weitere Kollegen standen. Zu viert gingen sie dann vorsichtig ins Gebäude. Die drei Jugendlichen warteten aufgeregt am Türrahmen.
Hoffentlich schnappen sie ihn“, äußerte Marina mit einer leicht zittrigen Stimme. Man spürte, dass sie ein wenig Angst hatte.
Es vergingen einige Minuten, aber nichts passierte. Sie hörten nichts und blickten wie gebannt auf das gegenüberliegende Gebäude. Die beiden Männer vor dem Verwaltungsgebäude kamen schließlich auf die Schüler zu und wollten wissen, was ihre Kollegen machten. Marina erklärte ihnen alles und als sie dies vernahmen, folgten sie den anderen Männern und gingen ebenfalls in den Mädchentrakt.
Nun war kein einziger Wachmann mehr auf dem Hof, was den Jugendlichen Sorge bereitete.
Stehen eigentlich noch zwei Männer vor dem Haupttor?“, wollte Jojo wissen.
Ich glaube nicht“, antwortete Robin. „Es reicht ja eigentlich, wenn sie vor den Eingangstüren zu den einzelnen Gebäuden postitioniert sind.“
Dann sind alle Wachmänner da drinnen“, stellte Marina fest. „Wenn sie nun in eine Falle gelaufen sind...“ Sie wagte es nicht, ihre Befürchtungen zuende zu führen.
In diesem Augenblick flog die Tür des Mädchentrakts auf und eine dunkle Gestalt kam herausgerannt. Marina kreischte los und sofort hielt ihr Robin den Mund zu. Er wollte nicht, dass die Aufmerksamkeit der Gestalt auf sie gerichtet wurde.
Der völlig in Schwarz gekleidete Kerl rannte in Richtung Haupttor. Er schob es auf und rannte davon.
Das war er“, rief Robin schließlich. „Was machen wir nun?“
Wir müssen ihm hinterher“, sagte Marina schließlich.
Wirklich?“, hakte Robin nach. Er konnte es nicht fassen, dass er diesen Vorschlag ausgerechnet von der schlausten Schülerin des Internats hörte. Er hätte eher erwartet, dass sie vorschlug, die Lehrer zu alarmieren.
Kommt!“, forderte sie die Jungs auf und rannte los. „Wenn wir noch länger warten, entkommt er uns. Wir dürfen diese Chance nicht verpassen.“
Und schon jagten die drei Schüler dem Unbekannten hinterher.

Auf der Straße sahen sie gerade noch, wie eine dunkle Gestalt um die Ecke bog. Mit schnellen Schritten rannten sie ihr nach.
Die Verfolgungsjagd dauerte einige Minuten. Jojo war zwar ein muskulöser Riese, aber deshalb auch ziemlich schwer, sodass er mit Robin und Marina nicht mithalten konnte. Auch Marina blieb irgendwann etwas zurück, sodass Robin allein vorpreschte. Irgendwann erreichten sie den Main.
Das musste ja so kommen“, stellte der Sechzehnjährige fest. Am Fluss fühlte sich der Unbekannte am wohlsten, denn da waren sie an seinem Element. Die schwarze Gestalt blieb am Ufer stehen und es sah so aus, als ob er auf Robin wartete.
Ist das eine Falle?, fragte sich der Junge selbst.
Er ging näher auf ihn zu und machte sich kampfbereit. Als er dem Angreifer näher kam, sah er, dass er er komplett maskiert war und nur seine Augen durch eine schwarze Skimütze zu sehen waren.
In diesem Moment hob der Vermummte seine Hände und eine riesige Welle erhob sich hinter ihm vom Main. Mit einem Hieb flogen die Wassermassen auf das Elementum zu. Auch Robin hob seine Hände und lenkte das Wasser um, sodass es auf dem Boden neben ihm landete.
Was soll das?“, klagte der Sechzehnjährige den Fiesling lautstark an. Da antwortete dieser sogar und das Elementum hörte zum ersten Mal seine Stimme:
Heute Nacht werde ich dir endlich den Gar ausmachen, Elementum!“
Diese Drohung klang ernst gemeint. Die Stimme des Angreifers war rauh und gewalttätig.
Warum hast du mich nicht schon erledigt, als du letzte Nacht in meinem Zimmer warst und meinen Bettnachbarn entführt hast?“
Das wollte ich ja, aber du warst nicht in deinem Bett. Sonst würdest du jetzt schon nicht mehr leben.“
Wie bitte?“ Robin traute seinen Ohren nicht. „Ich lag doch im Bett. Du hast mir doch extra KO-Tropfen gegeben, damit ich selig schlief, während du dich in meinem Zimmer austobst.“
Pah“, entgegnete der Feind. „Das klingt zwar nach einer super Idee, aber so war es leider nicht. Ich habe dir nichts verabreicht. Ich bin nur in dein Zimmer eingedrungen. Leider warst du nicht da, also musste ich mir schnell einen Plan B überlegen. Daher habe ich diesen anderen Typen entführt.“
Das Elementum war völlig irritiert. Er konnte gar nicht glauben, was er da hörte. Seiner Ansicht nach war es vollkommen gelogen.
Da tauchte Marina endlich neben Robin auf.
Das wirst du büßen“, drohte sie. Sie hob nun ihre Arme und beschwor ebenfalls das Wasser hinter dem Bösewicht. Dieser drehte sich um, um das Wasser von ihm abzulenken. Doch da hatte er die Rechnung ohne die kluge Elementaristin gemacht. Sie erzeugte einen Wasserwirbel, der den Kerl ins Innere zog. Er wurde durch die Luft gewirbelt und ins Wasser gezogen. Marina dachte schon, sie hätte ihn, als sich das Wasser wieder beruhigte und der Kerl sanft auf dem Boden landete. Dann verwandelte sich das Wasser um ihn herum in Pfeilspeere aus Eis. Die beiden Schüler schreckten verängstigt zurück. In diesem Augenblick flogen die spitzen Eisstäbe auf sie zu.
Robin reagierte blitzschnell mit seinen Feuerkräften und sorgte dafür, dass die Speere wieder schmolzen und zu Wasser wurden. Das Wasser lenkte er sodann wieder in den Main um.
Jetzt reicht es mir“, rief der fiese Typ in Schwarz. Er beschwor erneut eine riesige Welle, doch diesmal stand er auf ihr. Er surfte auf ihr, nur ohne Surfbrett, was die beiden anderen Elementaristen erstaunte. Dann flog die Welle auf sie zu und vergrub die Jugendlichen unter sich.
Mit aller Kraft schützten sich Marina und Robin vor dem Wasser und bildeten eine Schutzblase um sich herum.
Das lassen wir nicht zu“, rief das Elementum mit voller Überzeugung.
Genau“, bestätigte die Wasser-Elementaristin.
Beide schlossen die Augen und setzten alle ihre Kräfte ein. Mit einem Schwung stießen sie den Bösewicht von der Welle. Mit einem harten Schlag krachte er auf den Boden.
Da kam auch schon Jojo angerannt. Der muskulöse Junge reagierte blitzschnell und warf sich auf den Typen. Er drückte ihn zu Boden, sodass er sich nicht bewegen konnte. Robin kam hinzu und unterstützte seinen Kumpel. Er riss ihm die Mütze vom Kopf und zum ersten Mal sahen sie sein Gesicht.
Es war ein Unbekannter und kein Schüler vom Haus 4E. Sie hatten diesen Mann noch nie gesehen. Er musste um die Ende zwanzig sein. Er hatte braunes, kurzes Haar, ein markantes Gesicht mit spitzem Kinn. Seine Wangen waren eingefallen und seine Augen ziemlich schmal. Außerdem hatte er leichte Segelohren.
Lasst mich los“, schrie er wütend.
Jetzt haben wir dich!“, entgegnete Robin überheblich.
Doch da fing der Kerl zu grinsen an. Und mit einem Schlag wurden Jojo und das Elementum von Wasserstrahlen weggeschleudert. Der Fiesling sprang auf und sprach:
Nur weil ich meine Hände nicht frei habe, heißt das nicht, dass ich das Element nicht beschwören kann, ihr Anfänger.“
Doch da wurde er von einem Feuerball von hinten getroffen.
Robin und Jojo erhoben sich vom Boden und sahen in die Richtung, aus der der Feuerball kam. Da stand Iggy. Und ein paar Meter von ihnen entfernt war ebenfalls Aria.
Wie kommt ihr denn hierher?“, fragte Jojo überrascht.
Ich habe sie gestern schon informiert und gebeten, zur Schule zu kommen“, erklärte Marina. „Wir brauchen den ganzen Zirkel, um ihn fertig zu machen.“
Jojo und Robin nickten gleichtzeitig.
Nun lasst uns schnell einen Kreis um ihn bilden“, forderte die Wasser-Elementaristen auf.
Die anderen Vier befolgten sofort ihre Anweisungen und stellten sich um den Angreifer.
Wir werden jetzt einen elementaren Käfig beschwören“, sprach Marina laut aus. „Ruft eure Elemente herbei und lasst sie sich direkt über den Kerl verbinden.“
Feuer!“, rief Iggy.
Luft!“, rief Aria.
Erde!“, rief Jojo.
Wasser!“, rief Marina.
Robin wusste nicht, was er zu tun hatte und blieb daher zunächst stumm. Die Elemente verbanden sich direkt über den Kopf des Unbekannten, der sich gerade langsam wieder aufrichtete.
Robin, jetzt musst du dafür sorgen, dass ein Käfig gebildet wird. Lass sich die Elemente wie bei einem Gitter miteinander verbinden.“
Das Elementum wusste nicht genau, was Marina von ihm wollte. Aber er stellte sich ein Gitternetz vor und so verband er die vier Elemente miteinander. Schließlich entstand eine Kuppel aus den Kräften der Elemente, die den Bösewicht einschlossen.
Er versuchte seine Wasserfähigkeiten einzusetzen, um aus dem Käfig zu entkommen, doch seine Kräfte prallten einfach am Gitter ab.
Was soll das?“, schrie er. „Lasst mich raus!“
Zufrieden schauten sich die Elementaristen an.
Wir haben ihn!“, freute sich Marina. „Nun wirst du ins Gefängnis kommen.“
Die fünf Jugendlichen stabilisierten den Käfig, bis sie ihn loslassen konnten.
Wir haben es geschafft“, rief Robin endlich erleichtert.
Wir müssen Rektor Quinn alarmieren“, schlug Jojo vor, der auch sodann sein Handy zückte. Da trat Marina auf den Kerl in Schwarz zu.
Du wirst es bereuen, was du meinem Bruder angetan hast.“ Sie erhob ihre Hand und erzeugte eine Kugel aus klarem Wasser. Dieser gefror zu Eis und sie schleuderte ihn auf den Unbekannten. Als sie gegen seinen Kopf flog, fiel er KO zu Boden.
Damit verschwand auch der elementare Käfig.
Super“, lobte Robin und umarmte seine Freundin. Beide schauten sich tief in die Augen. In diesem Augenblick erschien wieder eine Welle am Fluss. Beide schauten direkt zu ihr und erschraken. Sie dachten sofort, dass sie wieder angegriffen wurden.
Doch da bildete sich eine Gestalt aus dem Wasser. Es war eine Frau, die von Kopf bis Fuß aus klarem Wasser bestand.
Was ist das?“, rief Aria hinter ihnen. „Das ist unglaublich.“
Die Frauengestalt aus Wasser wirbelte auf Robin und Marina zu. Sie konnten gar nicht reagieren, so schnell waren sie in ihr eingehüllt. Plötzlich glühte etwas auf ihrer Brust. Sofort hielten sie sich ihre Hand darauf. Sie spürten eine ungeheure Kraft in sich. Das ganze dauerte nur wenige Sekunden, dann war die Frau aus Wasser auch schon wieder fort. Der Main beruhigte sich und die beiden Jugendlichen standen wieder im Trockenen.
Was war das?“, wollte Marina wissen.
Ich weiß es nicht“, antwortete Robin.
Doch beide spürten etwas auf ihrer Brust. Sie öffneten ihre Jacken und zogen ihr Shirt ein wenig herunter. Dann sahen sie, dass sich bei beiden ein leuchtendes Symbol auf der Brust gebildet hatte. Es war ein Dreieck, dessen Spitze nach unten zeigte.
Verwundert blickten sie sich in die Augen. So etwas hatten sie noch nie gesehen. Es war unglaublich.
Oh nein!“, schrie Aria plötzlich.
Die jungen Elementaristen sahen sie an und erschraken ebenfalls. Der fiese Kerl war verschwunden. Er war wohl wieder aufgewacht und hatte sich heimlich vom Acker gemacht.
So ein Mist“, fluchte Iggy wütend. „Wir hätten besser aufpassen müssen.“
Doch nun war es zu spät. Der Unbekannte konnte entkommen und die Jugendlichen mussten alleine ins Haus 4E zurückkehren.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen