Sonntag, 1. Oktober 2017

[Elementum 2] Stille Wasser - Kapitel 10

Nach Marinas Abreise hatte es Robin einige Male probiert, mit ihr in Kontakt zu kommen. Doch sie reagierte weder auf seine Anrufe, noch auf seine Nachrichten. Das machte ihn sehr traurig. Er konnte nichts anderes tun, als über sie nachzudenken.
Mittlerweile war es wieder Freitag und das Wochende brach an. Er saß mit seinen Freunden am Mittagstisch und sprach über Marina.
Habt ihr vielleicht etwas von ihr gehört?“, wollte er wissen.
Nein, leider nicht“, sprach Iggy. Auch Jojo schüttelte lediglich den Kopf.
Jetzt mach dir keine Sorgen“, begann Aria. „Ihr wird es gutgehen und bald schon kehrt sie hierher zurück. Jetzt entspann dich mal. Ich möchte heute ausgelassen mit dir tanzen und nicht so ein Trauerkloß neben mir haben.“
Ich kann einfach nicht abschalten“, entgegnete Robin daraufhin.
Meinst du etwa, sie hatte wirklich vor, sich umzuzubringen?“, hakte Aria nun ebenfalls etwas besorgt nach.
Auf keinen Fall“, sprach er sofort aus. „Das meine ich garnicht. Ich will nur wissen, ob sie das wirklich mit einem Psychodoc regeln muss und wann sie wieder ins Haus 4E zurückkehrt. Ohne sie fehlt ein Teil unseres Zirkels.“

Mann, machst du ein Fass deswegen auf“, beschwerte sich Aria. „Aber wenn du dann lockerer bist, versuche ich sie später einmal anzurufen.“
Das wäre super! Danke, Aria.“
Die Luft-Elementaristin freute sich darüber, wenn sie Robin wieder ein Lächeln aufs Gesicht zaubern durfte. Sie konnte es kaum abwarten, mit ihm auf die Piste zu gehen. Wann war ihr letztes richtiges Date gewesen? Das war noch vor der Zeit im Haus 4E. Daher wollte sie endlich mal wieder eine richtige Verabredung haben.
Ich sage dir heute Abend Bescheid, wenn wir losziehen. Zieh dir was Schickes an.“ Damit stand sie auf, nahm ihr Tablett und verschwand. Jojo und Iggy zwinkerten dem jungen Elementum wissentlich zu, doch er schüttelte nur augenrollend den Kopf.
Da läuft nichts zwischen uns.“ Gerade Iggy sollte das wissen. Aber die beiden Jungs waren unverbesserlich.

Am Abend trafen sich Aria und Robin auf dem Schulhof. Er zog sich dem Anlass entsprechend eine dunkelblaue Jeans ohne Löcher und ein schwarzes Hemd an. Darüber trug er seine dicke Winterjacke, denn mittlerweile fror es nachts schon ziemlich. Aria trug ein hautenges, schwarzes Minikleid. Dazu hatte sie kniehohe Stiefel und eine dunkle Netzstrumpfhose an. Doch das konnte Robin noch nicht sehen, denn sie trug einen braunen Wintermantel darüber.
Der Junge war total aufgeregt, aber nicht wegen der Verabredung, sondern wegen Marina. Er war gespannt darauf, ob Aria etwas herausfinden konnte. Sofort platzte es aus ihm heraus, als er Aria sah:
Hast du mit Marina gesprochen?“
Ja, ich habe sie erreicht. Sie muss tatsächlich zum Psychologen. Er wird ein Gutachten erstellen und feststellen, ob Marina suizidgefährdet ist. Marina findet das total absurd, aber erst dann lassen sie ihre Eltern wieder hierher.“
Das ist ja echt fies“, bestätigte Robin. „Aber sag mal, hat sie irgendwas wegen mir erwähnt?“
Ich habe sie gefragt, warum sie nicht auf deine Nachrichten und Anrufe reagiert. Sie meinte nur, dass es nichts sei und sie einfach nur keine Zeit hatte. Also mach dir darüber keine Gedanken.“
Natürlich wusste der Sechzehnjährige, dass Marina ausgerechnet Aria nicht die Wahrheit sagen würde. Aber scheinbar nahm die Luft-Elementaristin ihr die Geschichte ab und hakte nicht näher nach. Vielleicht war das auch besser so.
Na gut“, sagte er schließlich. „Lass uns losgehen.“

Zunächst gingen sie gemeinsam Pizza essen. Aria hörte gar nicht damit zu quatschen auf, während Robin die ganze Zeit schwieg und über Marina nachdachte. Ab und zu nickte er, damit Aria nicht den Eindruck bekam, dass er gar nicht zuhörte.
Später ging es dann in einen Club. Aria zog den Sechzehnjährigen auf die Tanzfläche und er wippte zur Musik. Doch sie legte eine flotte Sohle aufs Parkett. Aria war eine atemberaubende Tänzerin. Ihr Körper bewegte sich perfekt im Takt zur Musik. Ihre Bewegungen waren fließend und ihre blonden Haare wirbelten umher. Irgendwann bildete sich ein Kreis aus Menschen um sie herum und jeder feuerte sie an. Sogar Robin war beeindruckt, doch in Gedanken blieb er bei Marina.
Er musste daran denken, wie sie am Klavier saß und dazu sang. Noch immer ging ihm die Melodie nicht aus dem Kopf, obwohl er gerade lautstarke Bässe in der Disko zu hören bekam. Nach einer Weile sah er, wie sich ein gutaussehender Südländer zu Marina in die Mitte des Dancefloors stellte und anfing, mit ihr zu tanzen. Er hatte ebenfalls perfekte Moves drauf und die beiden sahen wie ein eingespieltes Tanzpaar aus. Beide wirkten so abgestimmt und innig miteinander. Schließlich nahm er ihre Hüften und zog sie an sich. Es wirkte heißer als in dem Film Dirty Dancing, doch Robin ließ das völlig kalt.
Plötzlich schaute Aria zur Seite und erblickte Robin, wie er da so gedankenverloren auf der Tanzfläche stand. Sofort ließ sie von ihrem Tanzpartner ab, entschuldigte sich und ging zu dem Sechzehnjährigen. Sie wollte nicht, dass er etwas in den Tanz mit dem Typen hineininterpretierte.
Sorry“, begann sie ihm ins Ohr zu brüllen. „Wenn ich gute Musik höre und sich jemand einigermaßen dazu bewegen kann, kann ich nicht anders.“
Schon gut“, gab er zurück, was Aria nicht überzeugte. Sie dachte, sie hätte ihn verletzt. Daher zog sie ihn von der Tanzfläche und brachte ihn an die Bar, wo sie zwei Drinks bestellte.
Hier, bitteschön. Selbstverständlich ohne Alkohol“, neckte sie ihn, doch er lächelte nicht.
Nun standen sie da, saugten an ihren Strohhälmen und schwiegen sich an. Aria war das ziemlich unangenehm und daher fragte sie:
Wollen wir vielleicht gehen? Irgendwie ist die Luft raus, oder?“
In Ordnung“, stimmte er ihr zu und die beiden holten sich ihre Jacken an der Garderobe wieder ab.

Auf dem Rückweg schwiegen sich die beiden an. Aria konnte damit garnicht umgehen und so brach sie die Stille:
Es tut mir leid. Der Tanz mit dem Typen hatte wirklich nichts zu bedeuten.“
Erst da fiel Robin auf, was das Mädchen dachte. Sie ging davon aus, dass er eifersüchtig auf den Südländer war und daher nicht mehr redete. Doch Aria bemerkte nicht einmal, dass er bereits den ganzen Abend lang nicht der beste Gesprächspartner war. Sie plapperte weiter:
Vielleicht hätte ich nicht so innig mit ihm tanzen sollen. Für Außenstehende mag das bestimmt etwas zu intim ausgesehen haben.“
Schon gut, Aria“, unterbrach er sie. „Du musst dich nicht dafür entschuldigen. Ihr beide habt perfekt zusammen getanzt. Da hätte ich niemals mithalten können. Ich finde das völlig in Ordnung.“
Nur weil zwei Menschen gut tanzen können, heißt das nicht, dass sie auch so gut zusammenpassen.“
Dieses Gespräch war dem jungen Elementum ziemlich unangenehm. Wie konnte er ihr nur begreiflich machen, dass er gar kein Interesse mehr an ihr hatte, ohne ihr das Herz zu brechen? Er saß in einer Zwickmühle.
Als sie beide den Eisernen Steg betraten, wurde es sogar noch schlimmer. Diese Brücke verläuft über den Main und verbindet den Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen mit der Innenstadt. Überall an der Brücke findet man Schlösser angebracht, die Liebespärchen da aufgehängt haben. Zu dieser Uhrzeit mitten in der Nacht befand sich keine Menschenseele auf der Brücke. Sie waren die einzigen.
Schau dir diese vielen Schlösser an“, rief das Mädchen erfreut aus. „Ist das nicht romantisch. Zwei Liebende besiegeln ihre Beziehung, indem sie ein Schloss hier anbringen und den Schlüssel gemeinsam in den Fluss werfen.“
Äh ja, sehr romantisch.“
Das will ich unbedingt auch mal machen.“
Mit ihren Fingern glitt sie über einige der Schlösser. Eines nahm sie dann genauer in die Hand und betrachtete es.
Wie wunderschön es graviert ist. Schau dir das mal an.“
Robin ging näher an sie heran, bückte sich, um es sich näher anzuschauen. Da blickte ihn Aria verträumt in die Augen. Er sah sie an und erschrak. Er ahnte, was sie vorhatte. Ihr Gesicht kam näher an seines heran und sie schloss die Augen. Ihre Lippen spitzten sich, während bei Robin trotz der Kälte Schweiß auf der Stirn ausbrach.
In diesem Moment rauschte der Fluss ziemlich laut los. Beide erschraken und erhoben sich. Da sahen sie das Ungetüm: Eine riesige Welle erstreckte sich vor ihnen.
Das ist unmöglich!“, brüllte Robin laut los.
Wir sind hier doch nicht am Meer“, bestätigte Aria.
In diesem Moment brach die Welle auf sie hinab.
Nein!“, schrie das Elementum, hob die Hände schützend und konnte das Wasser so teilen, dass es die beiden nicht traf.
Erst dachten sie, sie hätten es überstanden, doch da kam ein weiterer Wasserschwall von hinten. Aria reagierte blitzschnell und baute eine Art Luftschild vor sich auf, sodass das Wasser daran abprallte und sie erneut geschützt waren.
Schnell“, schrie Robin. Er nahm Aria bei der Hand und rannte los. Sie rannten die Brücke entlang und ein heftiger Wasserstrahl folgte ihnen.
Was ist das?“, stieß das Mädchen beim Laufen schweratmend aus.
Ich weiß es nicht“, antwortete der Junge.
Sie rannten so schnell sie konnten, doch das Wasser folgte ihnen bis zum Ende der Brücke. Vor den Treppen, drehte sich Robin um und setzte erneut seine Kräfte ein, um die Wassermassen umzulenken. Doch dieses Mal schien etwas gegen zu lenken.
Ich schaffe es nicht“, rief er angestrengt. Da unterstützte ihn Aria mit ihrer Fähigkeit, die Luft zu kontrollieren. Gemeinsam lenkten sie das Wasser in den Fluss.
Dann wurde es ruhig. Beide schauten auf die Brücke, die nach wie vor menschenleer war. Keiner war zu erkennen.
Wer war das?“, wollte Aria wissen.
Ich sehe niemanden. Du etwa?“
Nein. Lass uns gehen, bevor derjenige erneut angreift.“
Schnellen Schrittens verließen sie die Brücke und liefen in Richtung des Internats.
Meinst du, wir werden verfolgt?“, wollte Aria wissen.
Ich habe keine Ahnung“, entgegnete Robin wahrheitsgemäß.
Da erinnerte sich das junge Elementum an das Ereignis in Berlin, als er ebenfalls von einem Wasser-Elementaristen angegriffen wurde. Vielleicht war es derselbe. Derjenige war also noch immer hinter ihm her. Er ging damals davon aus, dass es ein Handlanger von Skye war, der ihn an den Kragen wollte. Doch Skye sitzt nun hinter Gittern und hat keinen Einfluss mehr. Also musste derjenige eigene Pläne verfolgen.

Als sie beide im Internat angekommen waren, freuten sie sich, als sie das Tor hinter sich schließen konnten.
Wir müssen es den Lehrern sagen.“
Nein“, widersprach Robin sofort.
Wieso? Wir schweben in Gefahr.“
Aber wenn wir es den Lehrern sagen, bekommen wir wieder eine Ausgangssperre. Ich möchte hier nicht wieder gefangen sein.“
Aria entgegnete daraufhin nichts. Scheinbar gab sie ihrem Freund recht. Sie hatten diese Situation ja schon einmal und das hatte sie ziemlich beeinträchtig.
Was sollen wir stattdessen tun?“, fragte sie.
Erst einmal abwarten“, antwortete der Sechzehnjährige. „Wir sollten nicht die Pferde scheu machen.“
Robin, ich habe ein wenig Angst“, gab das Mädchen, dass sonst so selbstbewusst war, zu.
Mach dir keine Sorgen. Wir sind ein Zirkel und halten zusammen. Gemeinsam sind wir stark.“
Mit diesem Satz verabschiedete er sich von Aria. Erst als sie in ihrem Zimmer angekommen war, fragte sie sich, warum sie keinen Abschiedskuss bekam. Aber sie schob es darauf, dass diese Nacht ein klein bisschen zu aufregend war. Die Romantik wurde an der Brücke zerstört. Da konnte sie so etwas von ihm nicht erwarten.
Sie selbst musste nun erst einmal verarbeiten, was geschehen war. Der Abend mit Robin hätte so schön sein können, aber alles lief schief. Erst tanzte sie innig mit einem fremden Typen und dann wurden sie auch noch auf der Brücke angegriffen. Hoffentlich war sie jetzt im Haus 4E sicher.

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